Erlebte Kommunikation
Der Dozent steht mitten im Raum, sein Arm ist ausgestreckt und seine Faust befindet sich unmittelbar vor dem Gesicht eines Studierenden. Doch der ist keineswegs irritiert, sondern zeigt ein breites Grinsen. Und wir befinden uns auch nicht in einem Kurs für eine Kampfsportart. Sondern in einer Pilotklasse für Logistikfach-leute. In der Klasse befinden sich über 20 Studierende unterschiedlichen Alters und aus den verschiedensten Fachbereichen. Die Studierenden sind recht lebendig und folgen dem Unterricht teilweise mit spontanen Zwischenrufen und witzigen Bemerkungen. Jetzt aber sind alle Augen gebannt auf den Lehrer gerichtet.
Ein erfahrener Dozent Hans Conrad Hirzel kennt Schulungen dieser Art aus dem Effeff. Seit über zwanzig Jahren arbeitet er als Dozent bei Grossunternehmen und KMUs gleichermassen. Er ist selbstständig, hat aber auch ein Mandat bei der Credit Suisse Business School, wo er Kadermitarbeitende für Führungsaufgaben fit macht. Bei der GS1 und den Logistik-Pilotklassen ist er zuständig für das Modul «Selbstmanagement und Mitarbeiterführung». Die insgesamt vier Tage dauernde Schulung umfasst Themen wie «gruppendynamische Prozesse» oder «Konfliktarten und -management». An diesem kalten Januarmorgen ist das Thema «Kommunikation als Führungsinstrument» an der Reihe.
Gelerntes vertiefen Doch zunächst lässt Hirzel die Studierenden kleine Gruppen bilden. Jedes Team erhält den Auftrag, ein per Zufall ausgewähltes Thema des ersten Schulungstages kurz aufzuarbeiten und im weiteren Verlauf des Tages in wenigen Minuten zu präsentieren – eine elegante Methode, gleichzeitig Gelerntes zu verankern und an der Präsentationstechnik zu feilen.Doch dann startet er in sein heutiges Thema. In fulminanter Weise führt er wichtige Begriffe ein, stellt gestenreich zentrale Ansätze vor, bezieht die Studierenden mit ein, begleitet seine Fragen mit provozierender Mimik. Auf der Flipchart entsteht langsam ein komplexes Kommunikationsmodell mit unzähligen Aspekten verbaler, paravervaler und nonverbaler Kommunikation. Auf eindrückliche Weise demonstriert Hirzel immer wieder, was er meint, lässt die Teilnehmenden buchstäblich erleben, was sie lernen sollen.
Grenzüberschreitung! So auch in dem bereits angedeuteten kleinen Experiment zum Thema nonverbale Kommunikation, in dem es um Nähe geht. Überschreite ich die Grenze der gesellschaftlichen Distanz, dringe ich in den Bereich der sogenannten persönlichen Distanz oder sogar in die intime Distanzzone meines Gesprächspartners ein. Ich komme ihm buchstäblich zu nahe, er wird ausweichen, denn solche Nähe stellt eine Grenzverletzung dar. Und die Grenze zur persönlichen Distanz verläuft eben im Bereich eines ausgestreckten Arms, auf Armlänge, in Schlagdistanz. In dieser Art führt Hirzel durch seine Themen, führt die Rolle von Mimik, Gestik und Tonalität vor Augen, erläutert Paul Watzlawicks berühmtes Axiom, wonach man nicht nicht kommunizieren könne, führt vor, dass ein partnerschaftliches Gespräch nicht zuletzt eine Frage der Augenhöhe ist.
Verdiente Pause Derartiger Unterricht ist ausserordentlich intensiv und bald gehts in die verdiente Pause. Dort diskutieren die Studierenden die anstehenden Prüfungen SSC Basiskompetenz BP, mit der die ersten sechs Module abgeschlossen werden. «Man hat schon ziemlich Res-pekt vor dieser Prüfung», sagt Janine Zürcher, Prozessverantwortliche bei DHL Logistics und Klassensprecherin. Ganz allgemein sei es recht viel Stoff, berichtet sie. Neben den beiden Kurstagen, alle zwei Wochen, gebe es noch die Lerngruppe und vor allem das individuelle Studium der Scripts: «Ich selber bin zwei bis drei Abende pro Woche dran, es ist schon happig», fasst sie zusammen, und die umstehenden Mitstudierenden nicken, aber: «Es macht Spass!»
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